Aus dem Gedächtnis eines Körpers

Maria Xagorari

„Aus dem Gedächtnis eines Körpers“
Out of a body’s memories
Galerie vor der Klostermauer
07.02.2020 – 01.03.2020

 

“Wie soll die Darstellung eines, ins Gedächtnis gerufenen Gefühls aussehen? Zwecks einer solchen Abbildung, leiht sich die Künstlerin Formen der Natur. Durch vom Wind verwehte Blätter und vereinzelte Überreste von Bäumen, ist der Hauch eines vergangenen Gewaltgeschehens zu spüren. In ihrer Serie von Zeichnungen mit dem Titel „Aus dem Gedächtnis eines Körpers“, verflechtet Maria Xagorari Zerbrechlichkeit und Stärke, das Bedrohliche und das Vertraute eng miteinander.”

“What is a feeling retrieved from memory supposed to look like? For the purpose of such representation, the artist borrows forms from nature. In the remnants of trees and in windblown leaves lies the hint of some violence past. Fragility and strength, menace and intimacy are closely interwoven in the series of drawings with the title Out of a body’s memories, by Maria Xagorari.”

Vernissage: Freitag, 07. Februar 2020, 19:00
Opening:       Friday, 07th February 2020, 19:00
Einführung:
Dorothee Haarer, Kunsthistorikerin M.A.
Introduction:
Dorothee Haarer, Art Historian M.A.

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Text by Dorothee Haarer, Kunsthistorikerin M.A.

Maria Xagorari ist Malerin. Sie malt in Öl auf Leinwand: Männer. Frauen. Kinder. In grossen Formaten. Eigentlich.

«Eigentlich» deshalb, weil Maria Xagorari tatsächlich während eines Zeitraums von fast zwei Jahrzehnten so gemalt hat – bis sie im Jahr 2016 von ihrem Heimatland Griechenland, wo sie in Thessaloniki auch ihr Kunststudium absolvierte, nach Kreuzlingen an den Bodensee zog.

Seit ihrer Ankunft in der Schweiz bezieht sie Inspiration und Motive für die von ihr beabsichtigten Bild-Aussagen aus natürlich Gewachsenem, wie Wurzelwerk, Rindenstücken oder vertrockneten Hagebutten. Diese zeichnet sie in Kohle auf Papier.

Betrachtet man die in der Galerie präsentierten Zeichnungen, die seit 2017 entstanden sind, erkennt man zum Beispiel das Stück einer Wurzel, das haltlos in der Blattmitte schwebt. Xagorari modelliert ihre Zeichnung aus Licht und Schatten, gibt so dem von ihr gewählten Holzstück die Form. Greifbar, handfest allerdings macht sie es nicht. Der Gesamteindruck bleibt substanzlos, im Auflösen begriffen…

Ähnlich substanzlos und wie aus Nebel gemacht, sind die lebensgrossen Gestalten zweier Männer im Obergeschoss: Xagoraris einzige Malereien in dieser Ausstellung. Die Männer stehen vor weissen Mauern, auf denen ihre Körperschatten hart und düster liegen, auch die Gesichter sind verschattet. Im Kontrast zum Dunkel der Wandschatten und der Gesichter stehen die hellfarbigen Kleider. Es ist legere Kleidung, Hosen und kurzärmelige Shirts… aber irgendwie wirkt sie geisterhaft durchscheinend, wie die Männer an sich. Alles an diesen Figuren scheint sich zu verflüchtigen. Wie Pflanzenfasern, deren Zeit des Wachstums und Blühens überschritten ist.

Vergleicht man die bis 2015 entstandenen Ölbilder mit den ab 2016 erschaffenen Werken wird deutlich, dass Xagoraris gezeichnete Szenarien nur die nächste – und etwas sanftere – Stufe einer konsequenten Auseinandersetzung mit einigen dringlichen Fragen ist. Allerdings darf man behaupten, dass es Fragen sind, die nicht nur die Künstlerin umtreiben, sondern auch weite Teile der Öffentlichkeit.

Denn viele Menschen, daran bestehen kaum Zweifel, empfinden, dass die Welt an Stabilität verliert. Es sind Zeiten, die somit «haltlos» machen. Natur und Klima werden immer bedrohlicher. Gesellschaft und Politik werden zunehmend unberechenbar. Und menschliche Bindungen sind immer öfter unverbindlich, kurzlebig, gleichgültig.

Aus diesen Umständen nun leiten sich die erwähnten Fragen ab. Fragen wie «Gibt es noch irgendetwas, das von Dauer ist, verlässlich und stabil?» oder «Was passiert mit Menschen, wenn sie dauerhaft nach Halt suchen und ihn nicht finden… zum Beispiel, weil sie gedemütigt, bedroht, erniedrigt werden?»

In ihren Zeichnungen und Malereien spielt die Künstlerin eine breite Skala an möglichen Antworten durch, mal tröstlich, mal entmutigt. Beim Blick auf die Männer-Gemälde könnte eine ernüchterte Antwort vielleicht lauten: «Menschen ohne Halt verlieren die Substanz. Sie werden zu Gespenstern.» Optimistisch hingegen lassen die knarzigen Wurzeln in die Zukunft sehen. Ihr starkes Holz signalisiert Halt aus eigener Kraft. Tatsächlich nutzt die Künstlerin so ihre vegetabilen Motive als «Stellvertreter», anstatt der vorangegangenen menschlichen Figuren. Auch wenn die Menschen, die – wie Maria Xagorari betont – keineswegs als Porträts, sondern als Allegorien verstanden werden müssen, bieten sie immensen Raum für emotionale Interpretationen und transportieren Gefühle wie Unsicherheit oder Verlorenheit. Auch Motive wie Wurzeln und Rinden bieten Freiheit zur Interpretation von Gefühlen, allerdings mit einem schützenden Mass an emotionaler Distanz, gegenüber den menschlichen «Vorgängern». Mit den vegetabilen Zeichnungen manifestieren sich überdies zusätzliche Themen wie «Stärke spüren» und «Halt-Finden» in Xagoraris Arbeiten.

 

Maria Xagorari_Vernissage / Photo: Johny Nemer
Maria Xagorari_Vernissage / Photo: Johny Nemer

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